Welche Langzeitfolgen Mobbing für Opfer, Täter/innen und die Gemeinschaft haben kann.

Mobbing ist eine sehr aggressive Form von Gewalt und führt in der Regel zu den verschiedensten  körperlichen und seelischen Auswirkungen. Neben psychosomatischen Erkrankungen(Übelkeit, Bauch und Kopfschmerzen), Angstzuständen (Schulverweigerung, Schlafproblemen) kann Mobbing zu Depressionen und Persönlichkeitsstörungen führen.

Oft kommt es zu selbstschädigendem Verhalten wie „ritzen“ und negativem Selbstbild bis hin zum Selbsthass. Wir gehen davon aus, dass bei 20% aller Suizidopfer in Österreich Mobbing die Ursache war.

Aber auch für die Täter/innen gibt es Langzeitfolgen. Wir wissen, dass gewalttätige Jugendliche ein erhöhtes Risiko haben später in weitere Problembereiche wie Kriminalität und Alkohol/Drogenmissbrauch zu geraten. Leider gelingt es den Tätern/innen in der Schule sehr oft unerkannt zu bleiben. Die Mobber  müssen dann keine Verantwortung für ihr unsoziales Verhalten übernehmen, sie werden nicht rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht, dass ihr Tun gewalttätig und strafbar ist. Es entsteht weder ein Unrechtsbewußtsein noch entsteht ein Schuldbewußtsein bei dem Mobbern.

Soziales Lernen ermöglicht den Kindern das Erlernen von Empathie und Rücksichtnahme gegenüber ihren Mitmenschen. Wenn in einer Schulklasse gemobbt wird hat das Konsequenzen auf die gesamte Schulklasse. Wenn Mobber/innen soziale Anerkennung in der Klasse bekommen sinkt auch bei den anderen Mitschülern die Hemmung Gewalt auszuüben. Es lässt sich sagen, dass Menschen eher zu Gewalttätigkeit neigen wenn sie diese bei einem „Vorbild“ beobachten können. Es kommt zur sozialen Ansteckung wenn das sogennante Vorbild“ von der Gemeinschaft nicht bestraft sondern für sein gewalttätiges Verhalten belohnt wird. Ferner übernimmt das Individuum weniger Verantwortung für sein eigenes Tun, wenn die gewalttätige Handlung in der Gruppe ausgeführt wird.

Da die weitverbreiteten Auffassungen, Mobbing sei harmlos,-vorübergehend,-es komme selten vor oder die Mobbingopfer seien selber Schuld, Ausdruck ist von Unwissenheit und der Angst sich Konflikten zu stellen, besteht ein dringender Handlungsbedarf nach professioneller Begleitung, Aufklärung und Prävention.

Fallbeispiel

Mit einem Fallbeispiel (vgl. Andres Pia 2013, S 9) soll versucht werden häufige klinischen Symptome aufzuzeigen:
Fallbeispiel: Die Schülerin Franziska M.(alle Namen wurden von der Verfasserin geändert) , die von 2005 – 2012 das BRG APP besuchte und während ihrer gesamten Schullaufbahn gemobbt wurde, berichtet auf die Frage nach den Tätern/innen:

„Das Lustige – auch wenn „lustig“ wohl ganz sicher das falsche Wort ist – an meiner Situation war die Menge an Personen, die an dem Mobbing beteiligt waren. Es gab natürlich immer „Anführer“, im Allgemeinen die dominantesten Persönlichkeiten in den Klassenstrukturen, und der Rest, der sich eher anschloss. Trotzdem nahm die Masse der Menschen mit der Zeit überhand. Es wurden Gerüchte verbreitet und plötzlich waren Menschen involviert, die ich kaum bis gar nicht kannte.“

Ihr Leidensweg beginnt in der ersten Klasse, in der sie wegen ihres Wunsches, von allen gemocht und akzeptiert zu werden, bei ihren Mitschülern/innen einerseits Missfallen und genervte Reaktionen erregt, andererseits einen angreifbaren Eindruck erweckt.

Bereits nach kurzer Zeit lässt sich in der neu gebildeten Klasse eine klare, hierarchische Struktur erkennen: Es gibt eine Gruppe der „coolen“ Kinder, zu der sowohl Buben als auch Mädchen gehören; zwei Gruppen von eher kindlichen Schülern/innen, einmal Buben, einmal Mädchen; und zwei bis drei „Außenseiter“, die von den Mitgliedern der erstgenannten Gruppe als „uncool“ angesehen und aktiv ausgegrenzt werden. Zu ihnen gehört auch Franziska – das, was sie unbedingt verhindern wollte.

In der zweiten Klasse verschärft sich die Situation. Franziska tut alles in ihrer Macht stehende, um von den „Coolen“ akzeptiert zu werden: Sie trägt die „richtigen“ Marken, um den Ansprüchen gerecht zu werden; ihre Eltern kaufen ihr einen iPod und ein angesagtes Handy. Sie versucht manchmal sogar, andere zu mobben, um die Freundschaft ihrer Peiniger/innen zu gewinnen. In den Pausen stellt sie sich zu ihnen; der Kreis öffnet sich nicht, oft wird sie sogar direkt weggeschickt: „Wir müssen hier etwas Privates besprechen, könntest du bitte weggehen?“ Hinter ihrem Rücken wird über sie gelästert; wenn sie dazu kommt, verstummen die Gespräche. Sie hat eine gute Freundin, die sie in Schutz nimmt, doch auch dadurch ändert sich nicht viel an ihrer Situation.

Trotzdem lädt sie fast die ganze Klasse zu ihrer Geburtstagsfeier ein. Warum? „Ich mag sie alle sehr gerne“, erklärt sie ihrer besten Freundin strahlend. Schon am Nachmittag beginnt die „coole“ Clique sich abzusondern, die anderen wegzuschicken, um „private“ Dinge zu besprechen. Die Mädchen übernachten an diesem Tag bei Franziska – es ist eine große Gruppe, deshalb werden sie auf zwei Zimmer aufgeteilt. Franziska möchte mit drei beliebten Mädchen ins Zimmer – sie werfen sie hinaus; in ihrem eigenen Haus. Trotzdem lädt sie sie während der gesamten Unterstufe jedes Jahr wieder ein.

Auch in anderen Gruppen wird Franziska zum Mobbingopfer:

„Außerhalb der Schule kann ich mich auch daran erinnern, dass Mädchen im Ferienlager mich, während ich geschlafen habe, mit Rasierschaum besprüht haben. Die Worte verletzen mich jedoch meistens mehr als die tätlichen Angriffe.“

Der Wechsel in die Oberstufe wird für sie zur Katastrophe: Sie wird von ihrer besten Freundin getrennt und landet in einer Klasse mit nur drei weiteren Mädchen – wovon eine die Hauptmobberin aus der Unterstufe ist, Sandra. Sie, eine weitere Mitschülerin aus der Unterstufe und ein Schüler, der erst jetzt zu ihnen gestoßen ist – Simon – beginnen, Franziska das Leben zur Hölle zu machen. Es kommt auch leichte physische Gewalt hinzu, sie wird geschubst, man versperrt ihr den Weg. Primär spielen sich die Angriffe aber auf verbaler und psychischer Ebene ab:

„Wenn ich im Unterricht etwas sagte, hieß es: ‚Jetzt red‘ nicht schon wieder!‘ Sobald ich den Mund aufmachte, wurde ich unterbrochen oder ausgelacht. Alles an mir schien sie zu stören. Ich war den verbalen Attacken täglich ausgesetzt; wenn ich nur dastand und sms schrieb, sagte Sandra: ‚Schreibst du wieder sms mit dir selbst?‘ Sie kritisierten mein Aussehen: ‚Zupf dir mal die Augenbrauen!‘ ‚Deine Haare sind hässlich und unfrisiert!‘ ‚Hast du eine neue Jeans? Die muss ich unbedingt auch haben!‘ ‚Du hast keine Titten!‘ Simon zeichnete Karikaturen von mir, in denen er einzelne Makel extrem hervorhob. Sie unterstellten mir, dass ich keine Freunde hätte, und auf Facebook wurden unter meinen Fotos regelrechte Diskussionen darüber ausgetragen, wie dumm und hässlich ich sei. Manchmal wurde ich auf der Straße von Leuten, die ich noch nie gesehen hatte, mit beleidigenden Spitznamen angesprochen.“

Franziska wird depressiv und beginnt, sich die Arme mit Rasierklingen aufzuschneiden. Nachdem ihre Freundin aus der Unterstufe den Klassenvorstand benachrichtigt, muss Simon zu einem Gespräch zur Direktorin, außerdem werden Sandras Eltern vom Geschehen in Kenntnis gesetzt und verbieten ihrer Tochter daraufhin für einige Wochen Computer, Handy, Fernsehen und Ausgehen. All das scheint jedoch keinen langfristigen Effekt zu haben.

Am Ende der fünften Klasse wird Franziska in zwei Fächern negativ beurteilt. In den Ferien wird sie von einer Freundin in die Kinderpsychiatrie begleitet und lässt sich freiwillig einweisen – sie hat sich die Worte „I hate myself and I want to die“ in die Haut geritzt. Sie verlässt die Psychiatrie nach drei Wochen. Die fünfte Klasse muss sie wiederholen, weil sie nur eine der beiden Wiederholungsprüfungen besteht.

Die neue Klasse will Franziska nicht dabeihaben. Sie findet eine Freundin, mit der sie sich versteht, aber sie ist nicht willkommen – sie hält zwei Jahre lang durch, doch am Ende der sechsten Klasse steht sie in drei Fächern auf „Nicht Genügend“. Sie könnte im Fach Mathematik noch ein „Genügend“ bekommen, wenn sie die Hausübungsmappe nachbrächte, doch keine/r ihrer Mitschüler/innen ist bereit, ihr seine/ihre Mappe auch nur für einen Nachmittag zu leihen. Franziska verlässt die Schule und beginnt eine Lehre. Mit den Depressionen kämpft sie bis heute; auch die Angriffe gibt es noch immer. Und ihre Eltern?

„Wenn meine Eltern (durch Dritte) von den Attacken erfuhren, haben sie das ignoriert und nur gesagt ‚Oh, das wussten wir gar nicht‘. Ich wollte das perfekte Weltbild meiner Eltern nicht zerstören, außerdem war es mir peinlich, weil ich mich nicht wehren konnte. Ich sah keinen Sinn darin, es ihnen zu erzählen.“

Hier wurde, wie leider in vielen Fällen, erst viel zu spät und zu wenig konsequent eingegriffen. Den Mobbern/innen wurde erlaubt, ihre Gewalttätigkeiten uneingeschränkt auszuüben. Irgendwann schien sich die ganze Stadt daran zu beteiligen – jeder kannte Franziska, „das Opfer“. Charakteristisch für Mobbingopfer sind Franziskas verzweifelte Versuche, von den Aggressoren angenommen und akzeptiert zu werden, sodass sie zeitweise sogar selbst zur Täterin wird. Doch nichts davon verbessert ihre Situation.

Ihre Eltern verschließen die Augen, einzelne Mitschüler/innen können nichts ausrichten, weil die Situation sich verselbstständigt hat. Die Folgen sind hier Depressionen und Autoaggressionen – beispielhaft vor allem für weibliche Mobbingopfer. Die schulischen Leistungen sinken bis hin zum Schulversagen. Die Folgen für die Täter/innen? Ein einziges Gespräch mit der Direktorin – ein paar Wochen Hausarrest. Sandra ist bis heute an der Schule. So gravierend ihre Handlungen für das Opfer waren, so wenig Konsequenzen scheinen sie für sie selbst zu haben.